Bionic Runner – Video Review nach 10 Monaten

Läufer im fortgeschrittenen Alter, so wie ich, die haben ja oft ein Problem: biste gut druff gehste laufen und schon biste verletzt. Bei mir folgte das im Extremfall auch schon mal der Formel: 5x Laufen = 5 Wochen Verletzungspause. Für jemanden, der nicht nur aus figürlichen Gründen gerne Kalorien verbrennt ist das natürlich fatal.

Der Bionic Runner

In Australien ist vor einigen Jahren ein Sportgerät entwickelt worden, dass sich genau dieser Problematik widmet: der Bionic Runner.

Auf dem ersten Blick ähnelt der Bionic Runner einem Fahrrad ohne Sattel mit 20 Zoll Bereifung. Er ist aber nicht einfach ein Stand-Up-Bike, denn die Pedalbewegung ist nicht kreisförmig, wie beim normalen Fahrrad. Mit Hilfe eines ausgeklügelten Mechanismus bewegen sich die Pedale auf eine Art, die der Fuß- und Beinbewegung beim Laufen ähnelt. So werden die für das Laufen relevanten Muskelgruppen entsprechend belastet und trainiert. Und zwar ohne die Stoßbelastungen, die so oft Ursache für viele Verletzungen sind.

Der Erfinder Steve Cranitch hat das Gerät ursprünglich über Kickstarter finanziert und mittlerweile die Firma Run4 gegründet, die den Bionic Runner vermarktet. Bestellungen aus dem europäischen Raum werden derzeit aus England beliefert, so dass weder Zoll noch Einfuhrumsatzsteuer anfallen. Bei Problemen oder Fragen kann man sich jederzeit an die Firma wenden und bekommt – oft in Rekordzeit – Antwort aus Australien, häufig direkt von Steve´s Frau Carol. Der Kundendienst und Service von Run4 ist wirklich außergewöhnlich gut. Es gibt den Bionic Runner mittlerweile in verschiedenen Ausführungen. Ich berichte hier über die zweite Generation des BR.

Es gibt auch eine sehr freundliche und informative Facebook Gruppe zum Bionic Runner. Viele Tipps und Hinweise, die mir in der Anfangszeit geholfen haben, stammen direkt daher. Steve Cranitch ist hier ständig präsent und pflegt den direkten Kontakt zu den BR-Begeisterten. Es ist eine geschlossene Gruppe, die Umgangssprache ist Englisch.

 

Fahrverhalten

Durch die hohe Lenkung und den hohen Stand liegt der Schwerpunkt natürlich wesentlich weiter oben, das ganze System ist dadurch am Anfang ungewohnt und etwas kippelig. Einhändig fahren und beim Abbiegen die Richtung anzeigen, ist für mich heute noch ein Problem. Man gewöhnt sich aber relativ schnell daran. Mein erster Reflex beim Losfahren war tatsächlich, mich hinzusetzen. In meinem Hinterkopf war halt immer noch die Formel “Pedale + Kette = Fahrrad” verankert. Da das Kettenblatt bauartbedingt oben liegt, häte das bestimmt ein grosses Hallo gegeben.

Training

Der Bionic Runner ist wirklich ein anstrengendes und ernst zunehmendes Sportgerät. Wesentlich anstrengender als normales Fahrrad Fahren. Er ist also auch weniger dazu gedacht, eine gemütliche Sonntagsnachmittags Tour zu fahren, sondern eher dafür, sich verletzungsfrei auf Wettkämpfe vorzubereiten, HIT, Cardio- und Ausdauertraining zu ermöglichen.

Durch die Schaltung kann das Trainin prima variiert werden: hohe Kadenz und wenig Kraft zum Cardio Training beispielsweise. Oder niedrigere Kadenz und hohe Kraft zum Stärken der Muskulatur. Moderate Steigungen kann man mit etwas Training auch gut bewältigen, aber das Gerät ist keine Bergziege. Ich fahre bevorzugt die betonierten Wirtschaftswege an der südhessischen Bergstraße. Für schweres Gelände oder die Weinberge hier in der Gegend ist der Runne weniger geeignet. Und Dein Kampfgewicht sollte auch nicht höher sein als 120 kg.

Tatsächlich habe ich über den Winter zuerst einmal auf einem Rollentrainer trainiert, da das Wetter recht schlecht war. Die ersten echten Ausfahrten waren trotzdem ziemliche Herausforderungen und mehr als 4-5 km waren erst einmal nicht drin. Die Steigerung der Kilometerleistung erfolgte jedoch ebenso schnell wie die Steigerung der Begeisterung. Bereits nach kurzer Zeit waren 10 km machbar und mittlerweile habe ich auch schon die 30 km geknackt.

Lieferung und Zusammenbau

Der Bionic Runner wird gefaltet und in wenige Baugruppen zerlegt in einer “relativ handlichen” Verpackung per Kurier geliefert. Ich hatte meinen an Sylvester 2016 bekommen und direkt zusammen gebaut. Der Zusammenbau gelingt schnell und gut – nicht zuletzt wegen des sehr guten (englisch sprachigen) Benutzerhandbuches und der ebenso guten YouTube Videos von Run4. Schchaut Euch unbedingt vor dem Zusammenbau deren YouTube Kanal an. Der BR wird mit allem Werkzeug geliefert, dass für den Zusammenbau notwendig ist.

Die Herstellungsqualität ist sehr gut. Die technische Ausstattung mit Scheibenbremsen und einer 8-Gang Sturmey-Archer Nabenschaltung ist sinnvoll und ausreichend. An die Schaltung musste ich mich erst ein wenig gewöhnen. Die mechanischen Scheibenbremsen sind zwar nicht mit Mountainbike Wurfankern zu vergleichen, sind für den vorgesehenen Einsatzzweck aber ausreichend.

Ein super Vorteil: Da nicht nur der Lenker, sondern auch der gesamte Rahmen in der Mitte gefaltet werden kann, passt der Bionic Runner auch prima in meinen Fiesta (wenn ich die Rückbank umlege).

Sehr cool ist auch, dass sich der BR problemlos auf einem Rollentrainer fahren lässt. Gerade im Winter bei extrem schlechtem Wetter ist das ein prima Trainingsmöglichkeit. Ich verwende einen Elite Quobo Fluid Rollentrainer. Der funktioniert problemlos “out of the box” mit dem BR ohne weitere Modifikationen.

Ein paar Dinge, die ich am Bionic Runner weniger mag

  • Der Bionic Runner ist ein steter Quell mal lustiger und mal beängstigender Geräusche. Man muss schon ein bisschen basteln können, wenn man nich Dauergast beim lokalen Fahrradhändler sein will. Für mich war das der Anlass, mich mehr mit Fahrradtechnik auseinander zu setzen und meine Kenntnisse diesbezüglich zu vertiefen. Neues Hobby quasi.
  • Auch die Speichen der Laufräder erfreuen das Ohr öfter mal mit einem heiteren Pling-Pling.
    Sinnvollerweise sollte man also einen Speichenschlüssel in Reichweite haben, um hier zu justieren.
  • Ich fand ich die Griffe nicht so dolle, weil sie zu locker saßen und sich bei Belastung auf dem Lenker bewegten. Ich habe mir Ergon Griffe mit großen Barends montiert.
  • Zwischenzeitlich hatte ich auch mal ein Knacken im Tretlager, das ich daraufhin gewechselt habe. Schuld war wohl ein fehlerhaftes Kunststoff Teil. Steve Cranitch hätte mir sogar ein Ersatzlager aus Australien geschickt. Da so ein Shimano Hollowtech II Tretlager aber spottbillig ist, wollte ich meinen ohnehin großen CO2-Fußabdruck nicht durch einen weiteren Flugtransport eines Standard Ersatzteils aus Australien verbreitern. Hab mit das Lager also selbst geholt und eingebaut.
    Und das Coole ist: Tretlager Ein- und Ausbau schaffe ich jetzt in unter 10 Minuten. Hö!
  • Wie erwähnt sind die Scheibenbremsen ok, aber nicht überragend. Wer Wurfanker in der Stärke von Mountainbike Bremsen erwartet, der wird enttäuscht werden. Aber wie gesagt, die Bremsen sind ok und erfüllen Ihren Zweck.
  • Es gibt diese rote Halteklammer, die die Kurbelarme beim gefalteten Transport fixieren soll. Die Klammer hält aber nicht und löst sich von allein, speziell wenn der BRunner liegend transportiert wird. Das ist wirklich blöd gemacht. Ich sichere die Klammer immer zusätzlich mit einem Klettband.

Modifikationen

Obwohl der Bionic Runner sehr wertig ist, habe ich ein paar Dinge modifiziert, manches aus einer Bastellaune heraus, manches aus Gründen der Verkehrssicherheit und manches, weil ich es ab Werk tatsächlich nicht zu 100 Prozent gelungen fand:

  • Die werkseitig montierten, zwar bildhübschen, aber profillosen Kenda Reifen habe ich bereits beim Zusammenbau gegen Schwalbe Marathon Reifen getauscht. Einige Facebook Berichte über platte Reifen hatten mich misstrauisch gemacht. Ich wollte von Anfang an lange Strecken fahren, da wollte ich nicht irgendwo in der Wildnis mit einem Platten liegen bleiben. Ein Pannenset habe ich aber trotzdem immer dabei.
  • Die montierten ergonomischen Werksgriffe samt Bar Ends waren zwar gar nicht so schlecht, aber die Griffe haben sich verdreht und ich wollte auch gerne andere Bar Ends haben. Deshalb habe ich mir Ergon GP-5 Griffe montiert. Dass man dadurch die Griffposition verändern kann, finde ich sehr angenehm und beugt Überlastung und Ermüdung vor.
  • Zusätzlich habe ich mir einen günstigen Lenkervorbau besorgt, so dass der Lenker einen Tick höher und etwas weiter vorne ist. Für mich fühlt sich dad angenehmer an.
  • Ultraleichte und billige Mountainbike Mudguards halten ein wenig den Dreck der Feldwege fern. Das funktioniert aber noch nicht perfekt und das muss ich nochmal überarbeiten.
  • Flaschenhalter für den großen Durst zwischendurch und eine kleine Luftpumpe für den Fall der Fälle
  • Lenkertasche mit Notfall Werkzeug, Schmiermittel für Roller und Schienen, Taschentücher und was man sonst noch so mitnehmen muss.
  • Natürlich habe ich auch noch Batterielichter vorn und hinten montiert.
  • Ein 3D-gedruckter Lampenhalter. Den hatte ich mir konstruiert, weil sich ein Rücklicht schwer befestigen ließund auch etwas höher positioniert werden muss, damit es nicht vom Mudguard verdeckt wird.
  • Ich habe mir auch andere Pedale montiert. Es gab vor einiger Zeit die Meldung, die Achsen der Original Pedale brechen könnten. Schlußendlich ging dies aber wohl auf einen Montagefehler des betroffenen Kunden zurück. Trotzdem hat Run4 zwischenzeitlich neue Pedalachsen konstruiert, die allen Kunden kostenlos zugeschickt werden. Für die Zwischenzeit wurde empfohlen, auf Mountainbike Pedale umzusteigen. Deshalb fahre ich diese Acros A-Flat XL Flatpedals zuammen mit meinen FiveTen Freerider Contact Bike Schuhen. Für mich eine perfekte Kombination.

Vergleich mit dem Elliptigo

Es gibt mit dem Elliptigo ein ähnliches Gerät. Ich will das Elliptigo auf keinen Fall schlecht reden. Das Elliptigo ist bestimmt ebenfalls ein tolles Sportgerät und hat seine Zielgruppe. Ich habe das Elliptigo nicht ausprobiert, sehe aber vom Konzept her einige entscheidende Nachteile für mich persönich im Vergleich zum Bionic Runner:

  • die Pedalbewegung ist elliptisch und flacher, ähnelt weniger der Laufbewegung. Der Bewegungsumfang für die Knie ist dadurch geringer.
  • das Gerät ist recht sperrig und leider nicht faltbar, also schlechter transportabel, wenn man es mit dem Auto transportieren will oder im Haus über Treppen tragen müsste, um es z.b. auf einem Rollentrainer zu verwenden.
  • das Gewicht ist etwas höher
  • der Preis ist wesentlich höher

Trotzdem mag das Elliptigo ein gutes Sportgerät sein, für mich hat aber das Konzept des Bionic Runner gewonnen.

Andere Geräte, wie beispielsweise der Street Strider, Halfbikes oder Street Steppers oder ähnliches kamen für mich nie in die engere Auswahl, da ich die zugrunde liegenden Konzepte als für mich persönlich völlig ungeeignet bewertet habe.

Fazit

Ich und meine Knie, deren Zustand sich seit der Anschaffung des BR erheblich gebessert hat, sind von dem Gerät nachhaltig begeistert.
Für mich ist der Bionic Runner ein super Sportgerät. Durch die gleichmäßige Belastung werden Muskeln und Bänder gestärkt. Durch den relativ großen Bewegungsradius werden die Knie gut bewegt, so dass die Gelenkknorpel besser mit Nährstoffen versorgt werden können. Und das Ganze ohne schädliche Stoßbelastungen. Auch Kraft und Kondition haben sich bei mir erheblich verbessert. Für mich ist das Teil fast schon ein Medizinprodukt und eigentlich sollte man das Gerät auf Rezept bekommen.

Fazit: richtig geiles Sportgerät, 5 von 5 Turnschuhen, respektive der goldene Meniskus am Band erster Klasse.

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